Beate Althammer: Herrschaft, Fürsorge, Protest. Eliten und Unterschichten in den Textilgewerbestädten Aachen und Barcelona 1830-1870. Bonn: Verlag J.H.W. Dietz Nachf. 2002.

Zwar bedienen sich Historiker heute mehr denn je des historischen Vergleichs, aber Vergleiche zwischen Regionen und Städten sind noch immer selten. Um so mehr Aufmerksamkeit kann die hier vorzustellende Dissertation Beate Althammers beanspruchen, die im Trierer Graduiertenkolleg „Westeuropa in vergleichender historischer Perspektive“ entstanden ist.

Am Beispiel der beiden Textilgewerbestädte Aachen und Barcelona untersucht Althammer gestützt auf zahlreiche deutsche und spanische Archivmaterialien „zwei Varianten“ der Bewältigung der mit der Frühindustrialisierung verbundenen gesellschaftlichen Spannungen. Wodurch wurde die „Konfliktivität respektive Stabilität“ (S. 30) städtischer Gesellschaften beeinflusst? Welche Strukturen waren verantwortlich dafür, dass „analoge sozioökonomische Strukturen und Lagen“ in „sehr unterschiedlichen Verhaltensdispositionen“ resultierten? Ihre Ausgangsthese ist, dass „der politisch-kulturelle Kontext“, den sie in den Aktionen der Unterschichten und den „Herrschafts- und Fürsorgepraktiken der Eliten“ nachzuvollziehen versucht, eine entscheidende Rolle spielte. Den unterschiedlichen politisch-kulturellen Strategien spürt Althammer in gesellschaftlichen Ausnahmesituationen nach, sozialen Unruhen und Konflikten einerseits und Epidemien andererseits. Ihre „Mikro- und Makrogeschichte“ konzentriert sich auf den Zeitraum von den 1830er bis in die 1870er Jahren. Nach 1870 waren mit der Gründung des deutschen Kaiserreichs und der Restauration der spanischen Monarchie beide Gesellschaften in eine neue Epoche eingetreten.

Ausgangspunkt ihrer Untersuchung sind Fabrikarbeiterunruhen in Aachen im Sommer 1830 und in Barcelona im Sommer 1835. Diese gewaltsamen Unterschichtenrevolten lassen von vornherein Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen beiden Städten klar hervortreten. Die Spannungspotenziale und Konfliktaustragungsformen waren ähnlich, aber die Unruhen waren in Barcelona weit blutiger als in Aachen. Auch in den folgenden Jahren wurde das Gewaltmonopol des Staates in der spanischen Stadt viel radikaler in Frage gestellt. In Aachen gelang es dagegen, die Unterschichten zu pazifizieren.

In vier großen Kapiteln untersucht Althammer zunächst Schauplätze und Akteure, dann eingehend die Unruhen von 1830/1835 und ferner die politischen und sozialen Bewegungen danach, insbesondere im Umfeld der Revolution von 1848. In ihrem abschließenden Kapitel nimmt sie die Cholera- und Gelbfieberepidemien zwischen 1833 und 1870 als „Testfall“ insbesondere für die Fürsorgestrategien der Eliten Aachens und Barcelonas.

Beide Städte hatten eine politische Randlage, das rheinische Aachen lag im äußersten Westen Preußens, das katalanische Barcelona 500 Kilometer östlich der spanischen Hauptstadt Madrid, und sahen sich staatlichen Durchdringungs- und Integrationsmaßnahmen ausgesetzt. Beide Städte wiesen ein ähnlich hohes Bevölkerungswachstum auf. Ihre Bevölkerungen waren katholischer Konfession. Vor allem aber gehörten beide Städte zu den industriellen Frühstartern, die aber auf eine lange Tradition als Wirtschaftszentren mit selbstbewußten Eliten zurückblicken konnten. Die Unruhen von 1830 in Aachen und von 1835 in Barcelona sind deshalb als Maschinen- bzw. Fabrikenstürme in die Geschichte eingegangen, auch wenn sie, wie Althammer zeigen kann, auf viel komplexere Zusammenhänge zurückgingen.

Während in Aachen Ruhe und Ordnung schnell wieder hergestellt werden konnten, und Unterschichtenproteste eine Ausnahme blieben, kam Barcelona auch in den Folgejahren nie zur Ruhe. Auseinandersetzungen in der Arbeitswelt waren an der Tagesordnung und der politische Radikalismus blieb stark, Gewaltmonopol und Autorität des Staates wurden immer wieder offen in Frage gestellt.

Für die weitgehende „Stabilisierung“ der Aachener Gesellschaft macht Althammer vor allem drei innere Faktoren verantwortlich: Erstens sei die „Intensität der öffentlichen Fürsorge für die Unterschichten“ größer gewesen. In Aachen taten die kommunalen und staatlichen Eliten weit mehr zur materiellen Absicherung als in Barcelona. Zweitens war die katholische Kirche in Spanien aufgrund ihres vorbehaltlosen Bündnisses mit dem restaurierten Absolutismus nach 1814 und 1823 diskreditiert. Die Arbeiterunruhen waren im Sommer 1835 von kirchenfeindlichen Ausschreitungen in ganz Katalonien begleitet, in deren Verlauf 67 Geistliche starben, davon 16 in Barcelona. Demgegenüber war die ehemalige Reichsstadt Aachen eine Hochburg des sich erneuernden Katholizismus, der zur Festigung der etablierten Führungsgruppen und ihres Einflusses beitrug. Die Arbeiterbevölkerung blieb fest in das katholisch-kirchliche Milieu integriert. Während drittens in Barcelona der politische Radikalismus stark war und nach 1835 auch stark blieb, gab es in Aachen keine nennenswerte radikalliberale oder republikanische Fraktion im Bürgertum, die das Protestpotenzial der Unterschichten fördern und beeinflussen hätte können. Die Arbeiterproteste in Barcelona von 1835 und danach wurden durch den politischen Radikalismus wesentlich bestimmt.

Auch in ihrer Untersuchung der gesellschaftlichen Auswirkungen von Gelbfieber- und vor allem von Choleraepidemien unterstreicht Althammer noch einmal die unterschiedliche Krisenanfälligkeit der beiden Städte, deren unterschiedliche demographische, soziale und politische Stabilität. Während in Barcelona die städtische Elite auf die Epidemien mit massenhafter Flucht reagierte und damit eine faktische Auflösung der städtischen Gesellschaft bewirkte, verdrängte man in Aachen die Seuchen und setzte die Routinen des Alltags fort.

Letztlich hing die Stabilität von Stadtgesellschaften jedoch keineswegs nur von inneren Faktoren ab, sondern – wie Althammer zeigt – waren auch die staatlichen Rahmenbedingungen entscheidend. Erst gestützt auf die preußische Exekutive konnte das Aachener Wirtschaftsbürgertum eine dominierende Stellung erlangen und autoritär-stabile Verhältnisse durchsetzen. In einem von Bürgerkriegen und politischen Umstürzen geplagten Land blieb der politischen Elite Barcelonas eine solche Unterstützung versagt. Unter diesen heterogenen Bedingungen blieben die gesellschaftlichen Verhältnisse Barcelonas instabiler und krisenanfälliger. Althammers Studie ist ein lesenswertes und anregendes Buch, auch wenn dahin gestellt bleiben muss, ob – wie Althammer kurz andeutet – Aachen gemessen nicht nur an den Kriterien Ordnung und Stabilität sondern auch der materiellen Lebenschancen der Unterschichten „eindeutig erfolgreicher“ gewesen sei (S. 600).