Pierre Ayçoberry: Köln zwischen Napoleon und Bismarck. Das Wachstum einer rheinischen Stadt. Aus dem Französischen von Ulrich Stehkämper. Köln: Janus 1996. (Kölner Schriften zu Geschichte und Kultur, Bd. 20). 434 Seiten. Originalausgabe Paris 1981.

Veröffentlicht in: Neue Politische Literatur 44, 1999, S. 535537.

Die 1981 in französischer Sprache erschienene Untersuchung von Pierre Ayçoberry liegt nun in einer von Ulrich Stehkämper besorgten deutschen Übersetzung vor. 1977 war sie unter dem Titel „Histoire sociale de la ville de Cologne (1815-1875)“ als thèse an der Universität Paris I angenommen worden. Gegenüber der französischen Druckfassung von 1981 wurde die jetzige Übersetzung um Anmerkungen und ein Namenregister erweitert. Der statistische und graphische Anhang wurde neu aufbereitet.

Die Arbeit behandelt den Weg, den Köln von einer französischen Stadt zu Beginn des 19. Jahrhunderts zu einer preußischen Großstadt in den 1870er Jahren nahm. Beschrieben wird insbesondere der Zerfall der hergebrachten gesellschaftlichen Gruppen und das Entstehen der modernen Klassen in der rheinischen Domstadt. Ayçoberrys Buch ist seit Eberhard Gotheins ausführlicher Darstellung von 1916 – sieht man von Klara von Eylls wirtschaftsgeschichtlichem Abriß von 1975 ab – die einzige neuere wissenschaftliche Stadtgeschichte Kölns. Auch heute noch besticht und überzeugt es.

In den ersten Jahrzehnten der preußischen Herrschaft (1815-1835) herrschte in der ehemaligen Reichsstadt und französischen Departementhauptstadt – trotz Bevölkerungswachstum – wirtschaftliche Stagnation vor, die mit einem Verhaftetsein in alten, zum Teil reichsstädtischen Strukturen einherging. Die bürgerlichen Schichten, keineswegs neuerungsfreudig und kapitalistisch gesonnen, waren geprägt von einer wehmütigen Sehnsucht nach dem Alten Reich. Das Stapelrecht als vermeintliche Grundlage des Kölner Wohlstandes wurde mit großer Zähigkeit verteidigt. Das Verhältnis zu Preußen, das Köln zur stärksten Festung des westlichen Deutschlands ausbaute, war von einer gewissen Distanz geprägt.

In den 1830er Jahren kam mit der Aufhebung des Stapelrechts und dem Inkrafttreten des Zollvereinsvertrags die Kölner Wirtschaft und Gesellschaft in Bewegung. Einzelne Industrien entstanden, insbesondere die Zuckerindustrie erlebte einen raschen Aufschwung. Die Einführung der Dampfschif­fahrt und die Vollendung der ersten Eisen­bahnstrec­ken ließen in den 1840er Jahren die Warenströme an­steigen. Die Kölner Privatbanken betei­ligten sich führend in der rheinischen Industriefi­nanzie­rung, im Versicherungswe­sen und im Immobiliengeschäft. Nun beherrschten Neuerer, die meist von außen zugewandert waren, das Feld. Von den zwölf Unternehmern, denen bis zum Ende des 19. Jahrhunderts Denkmäler in Köln errichtet wurden, waren nur zwei gebürtige Kölner. Der Zustrom junger bürgerlicher Unternehmer befruchtete die städtische Oberschicht und weckte schlummernde Fähigkeiten zum Leben. Als Han­dels-, Banken- und Verkehrsmetropole wurde Köln, das 1848 mit fast 90.000 Einwohnern zu den größten Städten Deutschlands zählte, zu einem regionalen Schwerpunkt in einer sich industrialisierenden Nation. Die Differenzierung des Mittelstandes sowie die Ausweitung des ökonomischen Horizonts gingen bereits im Vormärz mit einer Politisierung und Liberalisierung einher. Die Revolution von 1848, in der Köln zum regionalen Kommuni­ka­tions­zentrum der rheinpreußischen Bewegungen wurde, schildert Ayçoberry ausführlich aus der Sicht der verschiedenen Parteiungen.

In den Jahrzehnten nach der Revolution von 1848 schloß Köln seine Entwicklung von einer alten Zunft- und Handelsstadt zur rheinischen Großstadt ab. Die Kölner Gesellschaft glich sich schließlich an das internationale Muster an. Dabei spürt der Verf. den Veränderungen des Bürgertums genauso nach wie den Wandlungen des Kleinbürgertums und dem Entstehen einer Arbeiterklasse. Neben der privilegierten Elite der Finanziersfamilien stieg ein „mittleres Bürgertum“, ein „Zwischenbürgertum“, auf, das eine außergewöhnliche wirtschaftliche und politische Dynamik bewies. Zwar wurde die Kölner Entwicklung zunehmend in die allgemeine preußische Geschichte eingebunden, aber die Schwierigkeiten der städtischen Bevölkerung mit der nationalen Einigung waren groß. Bereits in den 1860er Jahren beobachtet Ayçoberry den Aufstieg eines politischen Volkskatholizismus.

Die Darstellung ist trotz ihres sozialgeschichtlichen Detailreichtums anschaulich und flüssig geschrieben. Dem wird auch die vorzügliche Übersetzung gerecht. Nichts­desto­weniger ist insbesondere ein ärgerlicher Übersetzungsfehler zu berichtigen. Bei der „Liga“, von der im Rahmen der Schilderung der Vorgänge im Vormärz und in der Revolution von 1848 mehrfach die Rede ist, handelt es sich um den ‘Bund der Kommunisten’, einer Geheimorganisation von wandernden Handwerkern und emigrierten Intellektuellen, die sich im Juni 1847 in London aus älteren deutschen Geheimbünden gebildet und für die Karl Marx das ‘Manifest der Kommunistischen Partei’ geschrieben hatte. Kölner Mitglieder des Bundes waren die Drahtzieher der Arbeiterdemonstration vom 3. März 1848, die spektakulär die Revolution von 1848 im preußischen Rheinland einläutete.