Max Bär: Die Behördenverfassung der Rheinprovinz seit 1815. Nachdruck. Düsseldorf 1998. (Original Bonn 1919). 651 S.

Vera Torunsky (Bearb.): Die Abgeordneten der Rheinischen Provinziallandtage und Landschaftsversammlungen. Ein biographisches Handbuch. Bd. 1: Die Abgeordneten der Provinziallandtage und ihre Stellvertreter 1825-1888. Köln 1998. (Rheinprovinz. Dokumente und Darstellungen zur Geschichte der Rheinischen Provinzialverwaltung und des Landschaftsverbandes Rheinland; 12). 549 S.

Als die Gebiete beiderseits des Mittel- und Niederrheins 1815 Teil der preußischen Monarchie wurden, erfuhren die Rheinländer Preußen vor allem als obrigkeitlichen Verwaltungsstaat. Statt die großen Erwartungen, die die preußischen Reformen ausgelöst hatten, zu erfüllen, fiel Preußen in die Methoden des Absolutismus zurück. Der preußische König Friedrich Wilhelm III. – genauso wie später sein Sohn Friedrich Wilhelm IV. – war nicht bereit das mehrfach wiederholte Versprechen einzulösen, der Bevölkerung eine Volksvertretung zuzugestehen. Die altpreußische Rechts  und Feudalordnung konnte die Regierung in Berlin zwar nicht wieder einführen. Desto erfolgreicher war die von ihr betriebene bürokratisch-verwaltungsmäßige Durchdringung des Rheinlandes. 1919 zeichnete der Koblenzer Archivdirektor Max Bär (1855-1928) die Geschichte der preußischen Staatsorganisation und des preußischen Behördenaufbaus im Rheinland nach. Inzwischen kann auch Rüdiger Schütz’ Übersicht in Band 7 des „Grundriß zur deutschen Verwaltungsgeschichte“ von 1978 herangezogen werden. Der besondere Reiz der Darstellung von Max Bär, die jetzt zum zweiten Mal nachgedruckt wurde, liegt allerdings darin, daß sie fast vollständig aus den überlieferten Akten gearbeitet ist. Sie spannt den Bogen von der Verwaltung über Justiz, Steuerwesen, Militär, Eisenbahn- und Bildungswesen bis hin zum Archivwesen. Es handelt sich um ein Nachschlagewerk, das in gleichem Maße für den spezialisierten Historiker wie für den interessierten Laien nützlich ist und für beide bemerkenswerte Details bereithält.

Preußen war bis 1848 ein Staat ohne Verfassung. Die Ständeversammlungen, auch Provinziallandtage genannt, die in den 1820er Jahren für die einzelnen Provinzen Preußens eingerichtet wurden und 1847 erstmals als Vereinigter Landtag zusammenberieten, besaßen so gut wie keine parlamentarischen Kompetenzen. Ritterschaft, Städte und Landgemeinden bildeten drei „Stände“ und durften je 25 Vertreter entsenden, dazu kamen fünf ehemalige Reichsfürsten als erster „Stand“. Da Frankreich nach der Besetzung des Rheinlandes alle Adelsvorrechte bereits vor 1800 abgeschafft hatte, mutete die von Preußen eingeführte Ständevertretung anachronistisch an. Trotzdem war der rheinische Provinziallandtag keineswegs bedeutungslos. Er stellte bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts hinein das einzige Sprachrohr der Bevölkerung dar, um Krone und Ministerien – auf anderem als dem Verwaltungswege – über Wünsche, Notwendigkeiten und Mißstände zu unterrichten. So schloß sich der 8. rheinische Provinziallandtag im Jahre 1845 den Wünschen der Bevölkerung an und fordete die Einlösung des preußischen Verfassungs­ver­sprechens. Diese große Verfassungsdebatte stellte einen Höhepunkt der liberalen Bewegung am Rhein dar.

Vera Torunsky hat nun ein biographisches Nachschlagewerk vorgelegt, das detaillierte Auskunft über die Abgeordneten des rheinischen Provinziallandtags und deren Stellvertreter für den Zeitraum von 1825 bis 1888 gibt. Einige Abgeordnete sind in die Geschichte eingegangen, viele der insgesamt von Vera Torunsky erfaßten 1034 Personen sind allerdings weitgehend unbekannt geblieben. Die Bearbeiterin teilt außer dem persönlichen und familiären Hintergrund auch Angaben zu Laufbahn, Beruf und politischer Tätigkeit mit. Besondere Aufmerksamkeit widmete sie den verwandschaftlichen Beziehungen. So soll das gesellschaftliche Leben am Rande des Landtags selbst Ehen gestiftet haben. Ferner gibt die Bearbeiterin wichtige Hinweise auf überlieferte Archivalien zu den einzelnen Persönlichkeiten. Sie kommt zu dem Ergebnis, daß im Provinziallandtag „sehr viel mehr praktischer Sachverstand und mehr Intelligenz vertreten“ gewesen sei, als dies aufgrund des Wahlrechts, das allein den Grundbesitz begünstigte, zu vermuten sei.