Ingrid Sibylle Reuber: Der Kölner Mordfall Fonk von 1816. Das Schwurgericht und das königliche Bestätigungsrecht auf dem Prüfstand. Köln, Weimar: Böhlau 2002 (Rechtsgeschichtliche Schriften, Bd. 15). - 171 S. ISBN 3-412-08702-5. Euro 24,90.

Im Mittelpunkt dieser von Dieter Strauch betreuten rechtshistorischen Dissertation Ingrid Sibylle Reubers steht ein Justizskandal, der zu Beginn der preußischen Herrschaft am Rhein in ganz Deutschland großes Aufsehen erregte. Um Unregelmäßigkeiten und Unterschlagungen zu vertuschen, soll in der Nacht vom 9./10. November 1816 der Kölner Kaufmann Peter Anton Fonk den Krefelder Kaufmannssohn Wilhelm Cönen ermordet haben, der von einem der Geschäftspartner Fonks mit der Prüfung der Bücher betraut worden war. Die gerichtlichen Untersuchungen zogen sich fast sechs Jahre hin, bis schließlich 1822 vor dem Trierer Geschworenengericht der Indizienprozeß stattfand. Der auf Todesstrafe lautende Schuldspruch wurde aber vom preußischen König nicht bestätigt, und Fonk in Freiheit gesetzt. In der damaligen rechtspolitischen Auseinandersetzung um das französische Recht und die Geschworenengerichte erhielt der Prozeß von Anfang eine besondere Bedeutung, nicht erst durch die sensationelle Versagung der Bestätigung des Urteils durch den König Friedrich Wilhelm III. Darüber hinaus war Fonk ein Neffe des Aachener Generalvikars, vor Amtsantritt des Kölner Erzbischofs Ferdinand August Graf Spiegel 1825 einer der wichtigsten katholischen Geistlichen im Rheinland.

Die Arbeit gliedert sich in zwei große Hauptkapitel. Im ersten rekonstruiert die Verfasserin zunächst chronologisch den Geschehensablauf, geht ausführlich auf die Voruntersuchungen ein, gibt eine Zusammenfassung des Prozesses und berücksichtigt auch die Darstellung des Prozesses in Literatur und Publizistik. Im zweiten beschäftigt sie sich mit den rechtspolitischen Auswirkungen des Prozesses und der Bedeutung des königlichen Bestätigungsrechtes. Im Anhang gibt die Verfasserin mehrere wichtige Dokumente wieder, das Trierer Urteil vom 9. Juni 1822, das Gutachten des preußischen Staats- und Justizministers v. Kircheisen vom 3. Juni 1823 sowie die Versagung der Urteilsbestätigung durch den König vom 28. Juli 1823.

Am 9. November 1816 verschwand Cönen, sein Leichnam wurde erst am 19. Dezember 1816 rheinabwärts etwa zwei Stunden von Krefeld entfernt am Ufer des Hochwasser führenden Rhein gefunden. Fonk wurde schon bald verdächtigt und unter Polizeibewachung gestellt. Aber erst nachdem der Kölner Instruktionsrichter Verkenius abgelöst und durch den Appellationsgerichtsrat Efferz ersetzt worden war, konnte Generaladvokat von Sandt eine Anklage gegen Fonk durchsetzen. Im Herbst 1817 wurde die Untersuchung von Köln abberufen und an die Trierer Gerichte verwiesen, die weder 1818 noch 1820 die Voraussetzungen für eine Anklageerhebung sahen. Erst im dritten Anlauf erhob der Rheinische Appellationsgerichtshof im Juli 1821 Anklage gegen Fonk. Der Prozeß fand vom 24. April bis zum 9. Juni 1822 in Trier statt. In 40 Sitzungstagen wurden über 250 Zeugen gehört. Als die Trierer Geschworenen Fonk nach 2½ stündiger Beratung schuldig sprachen, war dies nach den abwägenden Ausführungen Ingrid Sibylle Reubers „ein glattes Fehlurteil“. Eine lückenlose Indizienkette konnte nicht nachgewiesen werden, die Entlastungstatsachen für Fonk hatten das Übergewicht. Zudem tauchten die äußerst fragwürdigen Methoden des Generaladvokats von Sandt die Voruntersuchungen in ein eigentümliches Licht. Letztlich beruhte die Anklage auf „unsubstantiierten Vorwürfen, die sich auf allgemeinen Gerüchten gründeten“ (S. 80). Der Prozeß wurde von einer breiten Publizistik begleitet, aus der vor allem die „Briefe über die Assise in Trier“ von Johann Friedrich Benzenberg (1823) herausragten.

Für viele Zeitgenossen hatte der Fonksche Prozeß „die gründlichste Erbärmlichkeit der französischen Geschworenen Gerichte und der französischen Criminal-Prozedur an das Tageslicht gefördert“, wie beispielsweise im Januar 1823 der angesehene Ansbacher Richter und Strafrechtslehrer Johann Paul Anselm v. Feuerbach an den Berliner Kriminalisten und Verleger Julius Eduard Hitzig schrieb. Nachdem die Rheinlande Teil der preußischen Monarchie geworden waren, wollte Berlin für die gesamte preußische Monarchie Rechtseinheit schaffen und deshalb in den Rheinlanden an die Stelle des französischen Rechts das preußische Landrecht treten lassen. Diese Gesetzesrevision ließ sich jedoch keineswegs so schnell durchsetzen, wie man zunächst gedacht hatte, und mußte letztendlich auch aufgegeben werden. Dazu trug vor allem der Widerstand der Rheinländer bei, die insbesondere auf den öffentlich-mündlichen Strafprozeß und die Geschworenengerichte nicht verzichten wollten. Aufgrund des Gutachtens einer Immediat-Justiz-Kommission, die von 1816 bis 1818 getagt hatte, hatte der preußische König vier Jahre vor dem Fonkschen Prozeß das französische Recht auf rheinischem Boden zunächst fortgelten lassen. Wie die Verfasserin zeigt, ließ der Fonksche Prozeß die Diskussion um die Geschworenengerichte an Hitzigkeit zunehmen. Ausdrücklich beharrte der preußische König auf einem Bestätigungsrecht, wie er 1821 ausführte, da „in Meiner Monarchie nur Ein inneres Staatsrecht gelten könne“ (S. 131). Die Rechtssprüche der Schwurgerichte hatten damit erst nach königlicher Bestätigung Gültigkeit. Wie die Verfasserin zeigt, paßten französisches Recht und Bestätigungsrecht jedoch nicht zusammen - so fehlte es nach französischem Recht schon wegen des Grundsatzes des mündlichen Verfahrens an einem prüffähigen Aktenbestand - und wurde im Rheinland als „Rückfall in die Kabinettsjustiz“ (Karl-Georg Faber) empfunden. Auch als der König im Dezember 1824 auf eine Forcierung der Justizreform in den Rheinlanden drang, die er als „eine hochwichtige Staatssache“ ansah, um die Einheit der Monarchie herzustellen, sei - so Ingrid Sibylle Reuber - der Prozeß als „auslösendes Moment“ zu betrachten. Die Verfasserin hat damit eine lesenswerte rechtshistorische Studie vorgelegt, die mit sachlicher Zurückhaltung über einen bedeutenden Mordprozeß und Justizskandal im Spannungsfeld von Öffentlichkeit und Politik aufklärt.

Jürgen Herres, Berlin