Copyright © 2000 by Jürgen Herres. Veröffentlichung in: Rheinische Vierteljahrsblätter 64, 2000. S. 482-485.

Rheinische Briefe und Akten zur Geschichte der politischen Bewegung: 1830-1850. Ges. und hrsg. von Joseph Hansen. Band 3: 1849-1850. Unter Benutzung von Vorarbeiten von Joseph Hansen bearbeitet von Heinz Boberach. Düsseldorf: Droste 1998. (Publikationen der Gesellschaft für Rheinische Geschichtskunde; 36.) – ISBN 3-7700-7594-3. 498 Seiten. DM 128,00.

Mit dem hier anzuzeigenden dritten Band der „Rheinischen Briefe und Akten“ steht ein Editions­unter­neh­men vor seinem Abschluß, das im letzten Jahrhundert von dem langjährigen Kölner Stadtarchivar Joseph Hansen begonnen worden war. Seit dem Erscheinen des ersten Bandes im Jahre 1919 haben sich die inhaltlichen Gewichte etwas verschoben. Hansen, der die ersten beiden Bände noch selbst herausgab, hatte sein Opus als „Quellen­samm­lung zur Geschichte des rheinischen Frühliberalismus“ geplant. In den Folgebänden, die wie der jetzt veröffentlichte dritte Band Heinz Boberach bearbeitete und kommentierte, wurden die sozialistische und die katholisch-politische Bewegung stärker einbezogen. Die Gesamtedition, die nun in vier Bänden vorliegt und über 2.800 Seiten Text umfaßt, bietet damit einen quellenmäßigen Überblick über das politische Leben in der Rheinprovinz von der französischen Julirevolution 1830 bis zu den Revolutionsjahren 1848/1850. Zur besseren Erschließung der Edition ist noch ein Ergänzungsband mit Registern, Bibliographie und ausführlichen Quellennachweisen – ebenfalls in der Bearbeitung von Heinz Boberach – angekündigt.

Der jetzt erschienene dritte Band umfaßt die Jahre 1849 und 1850 und damit wichtige Phasen der rheinisch-preußischen Revolution. Wie in den vorausgegangenen Bänden werden auch in ihm Texte aus unterschiedlichen Beständen dargeboten, vor allem aus staatlichen Archiven und Privatnachlässen. Bei den insgesamt 280 Dokumenten auf rund 500 Seiten handelt es sich einerseits um Berichte von Regierungs-, Polizei- und Militärbeamten und andererseits um Briefe aus den Nachlässen damaliger Politiker, vor allem liberaler Persönlichkeiten wie Ludolf Camphausen, Hermann von Beckerath und Karl Stedmann. Der Abdruck von Petitionen verdeutlicht schließlich, daß die Verfassungsbewegung von 1848/1850 die Bevölkerung breit erfaßt hatte. Publizistische Texte fehlen weitgehend, sieht man von den Aufrufen politischer Parteien ab, die – genauso wie das umfangreiche Protokoll der Versammlung der katholischen Vereine Rheinlands und Westfalens von April 1849 – in die Quellensammlung aufgenommen wurden. Die zeitgenössische Presse zog Heinz Boberach ausführlich zur Kommentierung heran. Wie bereits in den Teilbänden II,1 (erschienen 1942) und II,2 (erschienen 1976), in denen die revolutionären Ereignisse von März bis Dezember 1848 dokumentiert wurden, entsteht so ein dichtes Bild der politischen und Verfassungsbewegungen in der Rheinprovinz während der Revolutionszeit.

Mit Hilfe der hier gesammelten Quellen lassen sich die Kontroversen um Recht, Freiheit, Verfassung, Nation und Kirche nachvollziehen, die im Rheinland geführt wurden. Deutlich wird die Spiegelung der nationalen Politik auf regionaler und lokaler Ebene, deutlich werden aber auch die Impulse, die von der lokalen und regionalen Revolutionsbewegung ausgingen. Der Band setzt mit Texten ein, die rheinische Reaktionen auf die Revolutionswende dokumentieren, die im Herbst 1848 auch in Preußen eingeleitet worden war. Die Kräfteverhältnisse hatten sich zugunsten der alten Mächte verschoben, und die Revolution war in die Defensive geraten. Nichtsdestoweniger konnten insbesondere die rheinischen Demokraten für die Verteidigung der „März­er­run­gen­schaf­ten“ in Stadt und Land Mehrheiten mobilisieren. Nachdem sie in den Wahlen im Mai 1848 nur in einigen Hochburgen wie in Düsseldorf und Trier Erfolge hatten erzielen können, errangen sie in den preußischen Parlamentswahlen im Januar und Februar 1849 als Kritiker der preußischen Reaktionspolitik und als Verteidiger der Märzrevolution einen überragenden Sieg. Von den 61 Abgeordneten der Rheinprovinz zählten die preußischen Behörden nur 24 „für gemäßigt und konservativ“ (S. 62). Rheinischer Liberalismus und politischer Katholizismus reagierten zwar insgesamt positiv auf die preußische Staatsstreichpolitik, die am 5. Dezember 1848 mit der Auflösung der Berliner Nationalversammlung und der Oktroyierung einer preußischen Verfassung ihren Höhepunkt gefunden hatte. Da die Verfassung überraschend liberal ausgefallen war und auch die kirchenpolitischen Forderungen der Katholiken erfüllte, waren Liberale und Katholiken weitgehend bereit den preußischen Staatsstreich zu tolerieren. Jedoch auch auf ihrer Seite blieben Vorbehalte. In zahlreichen Städten und Gemeinden formierte sich erstmals eine breite konstitutionelle Vereinsbewegung, die von Vormärzliberalen, Vertretern des politischen Katholizismus und Regierungsvertretern getragen wurde, aber oft über die Wahlbewegung hinaus keinen Bestand hatte.

Im April und Mai 1849 formierte sich auch im Rheinland zur Durchsetzung der in Frankfurt am Main beschlossenen Reichsverfassung eine politische Bewegung, deren Breitenwirkung immer wieder unterschätzt wird. Als der preußische König die Reichsverfassung als „ruchloses Machwerk der Paulskirche“ (S. 164) ablehnte und am 28. April 1849 die ihm angebotene Kaiserkrone brüsk zurückwies, wandten sich selbst die rheinischen Konstitutionellen gegen diese „schwankende hinterhältige Politik“ (S. 167). Kaum ein städtischer Magistrat verzichtete darauf, sich in einer Adresse an Krone und Regierung zu wenden. In Köln fand neben zahlreichen regionalen Kongressen der politischen Richtungsvereine am 8. Mai ein weiterer rheinischer Städtetag statt, wie bereits im März 1848. 400 bis 500 Vertreter rheinischer Städte wandten sich gegen den offenen Bruch der preußischen Krone mit der Frankfurter Nationalversammlung. Sie wollten der Reichsverfassung Geltung verschaffen – selbst auf die Gefahr hin, daß der „Bestand Preußens ... gefährdet“ werden könne (S. 204). In einigen Städten der Rheinprovinz und Westfalens, in Düsseldorf, Elberfeld, Hagen, Solingen und Iserlohn brachen Aufstände aus. Sie konnten aber rasch durch Militär erstickt werden. Im Laufe der Revolution hatte die Wiederherstellung von Ruhe und Ordnung einen immer höheren Stellenwert gewonnen. An die Stelle der Euphorie war längst die Ernüchterung getreten. Nichtsdestoweniger ist überraschend, welche Energien für die Verteidigung der ‘März­er­run­gen­schaf­ten’ und die in der Paulskirche erzielten Fortschritte auch im Rheinland mobilisiert werden konnten. In den protestantischen Städten und Gemeinden ging die Oppositionsbereitschaft nicht zuletzt auf enttäuschte Loyalität zurück, worauf bereits Jonathan Sperber hingewiesen hat. „Selbst im gottbegnadeten Wuppertal steht nicht 1/10 zu Berlin“, schrieb Wilhelm Königs an Gustav Mevissen (S. 171).

Das Ringen um die innere Verfassung und die äußere Gestalt Deutschlands war mit der militärischen Niederschlagung der Reichsverfassungskampagne und dem Einsetzen einer unverhüllten politischen Reaktion, die viele rheinische Achtundvierziger ins Exil zwang, allerdings noch nicht beendet. Aber es beschränkte sich nun auf die Regierungskreise und eine kleine Gruppe von politischen Aktiven, die letztlich einflußlos blieb. Massenbewegungen kamen – selbst zum Bedauern der Liberalen – nicht mehr zustande. In der Korrespondenz rheinischer Liberaler kommt das Auf und Ab ihrer Erwartungen zum Ausdruck. Für viele von ihnen hing die gesamte deutsche Zukunft vor allem von der Herstellung der nationalen Einheit ab, weshalb sie teilweise aus Pragmatismus und teilweise aus Überzeugung immer wieder zu großen Zugeständnissen gegenüber Preußen bereit waren. Sie gaben sich der Hoffnung hin, unter Verzicht auf Freiheitsrechte könne im Schlepptau Preußens zumindest die deutsche Einheit noch erzielt werden. Insbesondere angesichts der preußischen Unionspläne, die auf einen kleindeutschen Bundesstaat unter Führung Preußens zielten, schöpften sie neue Hoffnung. Hermann von Beckerath wollte darin „eine nationale freiheitliche Bundesform“ sehen (S. 243). Den Unionsplänen sowie dem im Januar gewählten und im März 1850 nach Erfurt einberufenen Unionsparlament war jedoch keine Zukunft beschieden. Die rheinischen Liberalen mußten nicht nur wieder einmal das Scheitern ihrer Hoffnungen hinnehmen, sondern auch erneut eine Reihe von Demütigungen. „Mit einer rücksichtsloseren Geringschätzung und Verachtung ist aber wohl noch niemals eine Repräsentation behandelt worden als das Erfurter Parlament“, schrieb Ludolf Camphausen voll Bitterkeit (S. 409). Der Weg der rheinischen Liberalen war ein Weg der Kompromisse, der ihnen eine schier übermenschliche Leidensfähigkeit abverlangte und oft die Grenze zum Selbstbetrug überschritt. In hellsichtigen Momenten sahen sie dies auch selbst. So schrieb der Kölner Rechtsanwalt Joseph Gerhard Compes im Juni 1850: „Die Nachgiebigkeit wird unsere Personen und unsere Ziele ins Nichtige schicken... ich will mich meiner Schwäche bekennen, daß ich mich bis zum Rotwerden schämte“ (S. 421).

Breiten Raum nehmen auch Dokumente zum politischen Katholizismus und zur Frage des Verhältnisses von Kirche und Staat ein. 1848/49 wandelte sich der politische Katholizismus am Rhein von einer Honoratiorenveranstaltung zu einer politischen Bewegung, die sich auf eine eigene Presse stützen konnte und von Pius-Vereinen (nach dem damaligen Papst Pius IX. benannt) getragen wurde. Das Spektrum der politischen Vorstellungen dieser Bewegung war bemerkenswert breit. Auf dem Provinzialkongreß der katholischen Vereine im April 1849 in Köln prallten die unterschiedlichen Vorstellungen aufeinander. Während ein Teil der Delegierten eine betont antipreußische und großdeutsche Politik befürworteten, drang ein anderer Teil auf eine Entpolitisierung. So forderten Delegierte aus Köln, dem nach Freiheit verlangenden Volk zu beweisen, „daß man ein Herz für seine Freiheit habe“ (S. 133). Gegenüber der „Partei des absoluten Polizeistaates“, der „Partei des Umsturzes“ und der „Partei der Scheinliberalen“ hätten sich die Katholiken bisher wie „zerstreute Schafe“ benommen. In dieser „Schmach“ solle man sich nun nicht mehr „hinschleppen“ (S. 151). Demgegenüber plädierte der Bonner Theologieprofessor Franz Xaver Dieringer dafür, die katholischen Vereine nicht als „po­li­ti­sche“, sondern als „kirchlich-soziale Gesellschaf­ten“ zu ver­stehen. Andernfalls könn­ten sie allzu schnell „in eine schiefe Stel­lung“ gegenüber dem Episkopat ge­raten (S. 131/132). Ähnlich hielt der Münchener Kirchenhistoriker Ignaz Döllinger, Mitglied der Frankfurter Nationalversammlung, die Politisierung der katholischen Vereine „für ein Unglück“ (S. 142/143). Die Ablehnung der Kaiserwürde dankten die katholischen Pius-Vereine Friedrich Wilhelm IV. mit einer Reihe von Unterstützungsadressen. Auf die Wahlen für das Erfurter Unionsparlament konnten die katholischen Vereinen kaum Einfluß ausüben, nur wenige großdeutsche Wahlvereine wurden ins Leben gerufen. Die Beratungen zur Revision der oktroyierten preußischen Verfassung führten im Oktober und November 1849 kurzfristig zu einer Verschärfung der kirchenpolitischen Kontroversen, die Anlaß gaben zu Gerüchten über die Verhaftung und Flucht preußischer Bischöfe.

Der Band schließt mit den Reaktionen rheinischer Politiker auf das Scheitern der preußischen Unionspläne, die Preußen und Österreich im Herbst 1850 an den Rand eines Krieges gebracht hatten, und auf die Wiederherstellung des Deutschen Bundes. Wehmut und bittere Enttäuschung spricht aus den Resumees liberaler und katholischer Politiker, die sich bei allen politischen Meinungsverschiedenheiten Ende 1850 darin einig waren, daß es „in der politischen Welt ... jammervoll“ zugehe (S. 420). Für August Reichensperger, einen der prominentesten Wortführer des politischen Katholizismus, stand fest: „Man ist der größte Esel, sich um öffentliche Interessen zu scheren“ (S. 494).

Notwendig fand eine Beschränkung in der Auswahl der Dokumente statt. So konzentrieren sich die Dokumente fast ausschließlich auf die „institutionelle“ Revolution, die sich in Parlamenten und Vereinen abspielte. Die Revolution der „Straße“, die sozialen Proteste und Bewegungen in Stadt und Land, kommt demgegenüber zu kurz. Auch spielen wirtschaftliche und soziale Reform- und Neuordnungskonzepte nur eine untergeordnete Rolle. Zu bedauern ist, daß der Band kein Dokument enthält, das von einer Frau verfaßt wurde oder sich mit der Rolle der Frauen und deren politischem Wirken beschäftigt. Die Revolution bleibt auch in dieser Quellensammlung eine ausschließliche Domäne der Männer.

Heinz Boberach hat die Quellen sehr fundiert und sachkundig kommentiert. Die historische Forschung wird es ihm hoffentlich danken und Anregungen für weitere Untersuchungen aufgreifen. Auf einen Irrtum sei trotzdem hingewiesen, der auf den ersten Blick eher unbedeutend erscheint. Boberach beziffert die Wahlbeteiligung im Januar 1849 in Köln auf nur 30 Prozent (S. 58). In Wirklichkeit war sie jedoch deutlich höher. Die Wahlbeteiligung war 1849 ähnlich hoch wie im Mai 1848 und lag zumindest in den Städten über 50 Prozent, oft deutlich darüber. Nachprüfbare Angaben sind zwar für Köln nicht überliefert, aber nach einem Bericht des durchaus glaubwürdigen Rechtsanwalts Compes in der Augsburger Allgemeinen Zeitung erschienen „fast in allen [Kölner Wahl-]Districten mehr als die Hälfte der Wähler.“ Auch in der benachbarten Universitätsstadt Bonn, für die genaue Unterlagen überliefert sind, fanden sich in den einzelnen Wahllokalen zwischen 50 und 60 Prozent der Wahlberechtigten ein. Dies ist deshalb wichtig festzuhalten, da in der historischen Forschung die Bedeutung dieser Wahlen immer wieder unterschätzt wird, nicht zuletzt mit Hinweis auf die angeblich niedrige Wahlbeteiligung.

Zum Schluß bleibt zu wünschen, daß diesem von Heinz Boberach bearbeiteten Jubiläumsbeitrag eine bleibende Wirkung beschieden sein möge. Er hat es verdient.