Hildegard Brog: Was auch passiert: D’r Zoch kütt! Die Geschichte des rheinischen Karnevals. Frankfurt am Main, New York: Campus 2000. – 310 S.

Christina Frohn: Der organisierte Narr. Karneval in Aachen, Düsseldorf und Köln von 1823 bis 1914. (Veröffentlichung des Landschaftsverbandes Rheinland, Amt für Rheinische Landeskunde Bonn). Marburg: Jonas-Verlag 2000. – 374 S.

Der rheinische Karneval fand schon immer nicht nur begeisterte Befürworter, sondern auch ebenso engagierte Kritiker, nicht erst seit dem Umzug der Bonner Republik an die Spree. Für den preußischen König Friedrich Wilhelm III. bestand - kaum war Köln und das Rheinland vor knapp 200 Jahren preußisch geworden - kein Zweifel, daß der Karneval eine „unmoralische und in polizeilicher Hinsicht bedenkliche Volkslustbarkeit“ sei. Seinen Innenminister wies er deshalb mehrfach an, die Maskenumzüge soweit als möglich zu beschränken und nur in solchen Städten zu gestatten, „wo sie von altersher herkömlich stattgefunden haben“. Die rheinischen Städte bemühten sich daraufhin, die lange zurückreichende Tradition ihres Karnevals nachzuweisen. Bekanntlich wurde das Fastnachtsfest bereits im 14. und 15. Jahrhundert in den rheinischen Städten seit längerem gefeiert, ohne daß es schriftliche Belege dafür gibt. Das Wort Karneval, das italienischer Herkunft ist, wird in Köln erstmals 1779 urkundlich belegt. Obwohl nicht alle Städte in ausreichendem Maße historische Unterlagen herbeischaffen konnten, hatte der preußische König damit in gewisser Weise den Anstoß zur Sammlung wichtiger Quellen gegeben, die noch heute für die Geschichtsschreibung von großem Nutzen sind. Auch die beiden hier zu besprechenden Geschichten des rheinischen Karnevals, die zwei jüngere Historikerinnen vorlegten, profitierten davon.

Hildegard Brogs gut lesbare Geschichte des rheinischen Karnevals spannt den Bogen von der reichsstädtischen bis in unsere Zeit. Als die Franzosen Ende des 18. Jahrhunderts an den Rhein kamen, verboten sie zunächst „alle Maskeraden, alles Hin- und Herlaufen auf den Gassen in Masken oder in Verkleidungen“. Aber ab 1801 durfte „citoyen bellegeck“ wieder in den Straßen tanzen. In den ersten Jahren, nachdem das Rheinland preußisch geworden war, organisierte in Köln die Armenverwaltung den Karneval. Bekanntlich änderte sich dies 1823. Bereits im Winter 1822/23 hatte sich eine Gruppe junger Männer aus der Oberschicht zusammengefunden, die Pläne für eine Veränderung des Karnevals schmiedete. Fortan organisierte und gestaltete ein „Festordnendes Comité“ den großen Maskenzug am Rosenmontag. Ein ungeordnetes Maskentreiben gab es nun nicht mehr. Der Karneval wurde institutionalisiert, Vereine mit Generalversammlungen gebildet, in denen nur Männer zugelassen waren. Die Kritik der Frauen ließ nicht lange auf sich warten. Die Überschüsse, die man hoffte durch die Reform und Ausweitung des Karnevalsgeschehens zu erwirtschaften, sollten der städtischen Armenverwaltung zugutekommen. Wie Brog zeigt, waren Pfennigfuchser in Köln jedoch fehl am Platze. Entgegen den vollmundigen Absichtserklärungen, insbesondere gegenüber den preußischen Behörden, profitierte die Armenverwaltung nur wenig vom Karneval. Zu differenzierteren Ergebnissen kommt Christina Frohn in ihrer Studie (siehe S. 94-99). In jedem Fall wurde der Karneval gerade für Köln rasch zu einer Touristenattraktion und damit einem wichtigen Wirtschaftsfaktor. So kamen allein mit der Eisenbahn 1866 an den Karnevalstagen 17 000 Menschen nach Köln.

Mit den Jahren dehnte sich der organisierte Karneval aus und blieb kein Privileg der Oberschicht. Nichtsdestoweniger erfährt man weder in der Studie von Brog noch in der von Frohn viel über den ebenfalls bedeutenden Karneval der Unterschichten, die um 1850 etwa 70 Prozent der Stadtbevölkerungen umfaßten. Ausführlich geht Brog darauf ein, daß Frauen im rheinischen Karneval nur eine sehr untergeordnete Rolle spielen und spielten (S. 142ff. siehe auch Frohn, S. 67f.). Auch heute noch soll Frauenmangel in den 3500 Karnevalsgesellschaften bestehen. Erst 1908 (bei Frohn: 1906) wurde Frauen die Mitgliedschaft in den Karnevalsvereinen erlaubt. Weiberfastnacht war der einzige Tag, an dem die Frauen selbstbewußt Karneval feiern konnten.

Die preußischen Behörden konnten mit dem mitunter recht anarchischen Spott der Jecken nicht umgehen und Konflikte waren immer wieder an der Tagesordnung. Im Vorfeld der Revolution von 1848 nahm die Politisierung des Karnevals mehr und mehr zu: „Die politische Partizipation im Karneval wurde zum Synonym für die politische Partizipation im Staat“ (S. 118). Die Revolution von 1848 brach ausgerechnet während der Karnevalstage aus. Viele Revolutionspolitiker hatten ihre ersten Erfahrungen als Redner und Organisatoren im Karneval gesammelt. Nach dem Scheitern der Revolution sah die politische Reaktion im Karneval staatsgefährdende Elemente am Werk. Mehrfach mußten die Rosenmontagszüge ausfallen. Die Karnevalsgesellschaften verloren Mitglieder. Preußische Strenge und rheinische Ausgelassenheit vertrugen sich nicht. Erst seit den 1860er Jahren ging es wieder aufwärts. Nach den Reichseinigungskriegen 1864, 1866 und 1870/71 und der Gründung des Kaiserreichs durch Bismarck setzte eine merkliche Veränderung ein: „Der Karneval mutierte zu einem Fest der nationalen Größe Deutschlands. Vom Anspruch der Gründer, im Rosenmontagszug Witz und Satire vorzuführen, blieb nicht mehr viel übrig. In jenen Jahren wurden im Karneval auch die Orden eingeführt, die von Anfang an wenig mit Parodie zu tun hatten. Sie waren Ausdruck eines vaterländischen Credos und symbolisierten den Assimilationsprozess an Preußen“ (S. 189).

Mit dem Ersten Weltkrieg begann eine längere fastnachtsfreie Zeit, die auch nach Kriegsende andauerte. Im Dezember 1918 maschierten britische Truppen in Köln ein. Alle öffentlichen Tanzlustbarkeiten waren verboten. Ein Wirt, der am Neumarkt eine Fastnachtsfeier für Baron von Oppenheim und Paul und Theodor Guilleaume ausgerichtet hatte, wurde zu einer hohen Geldstrafe verurteilt. Erst von 1928 bis 1930 fanden auch wieder Rosenmontagszüge statt. Fröhliche Ausgelassenheit mußte über verletzten Nationalstolz und hohe Arbeitslosigkeit trösten. Nach 1933 gelang es den Nationalsozialisten „zu einem großen Teil“, den rheinischen Karneval organisatorisch und ideologisch zu vereinnahmen. Ähnlich wie Max-Leo Schwering geht die Autorin davon aus, daß die Schilderungen vom Widerstand der Jecken während des Nationalsozialismus „Schönfärberei“ gewesen seien (S. 220). Der Karneval sei mit dem Nationalsozialismus verstrickt gewesen, was nicht zuletzt antisemitische Karnevalslieder belegen.

Christina Frohns Studie, eine von Wilhelm Janssen betreute Bonner Dissertation, konzentriert sich auf das 19. Jahrhundert und widmet über Köln hinaus dem Karneval in Aachen und Düsseldorf, aber auch in anderen rheinischen Städten, mehr Raum. Frohn hat versucht, mit großer Akribie und großem Fleiß das gesamte überlieferte Aktenmaterial in den städtischen, privaten und staatlichen Archiven auszuwerten. Erwähnt seien hier nur die Spitzelberichte des Mülheimer Landrats Schnabel, die dieser von 1832 bis 1841 direkt an den Berliner Innenminister zur politischen Überwachung des rheinischen Karnevals sandte und die heute im Geheimen Staatsarchiv in Berlin aufbewahrt werden. Trotz ihres immensen Detailreichtums ist die reich illustrierte Studie leicht lesbar.

Frohn geht zunächst kurz auf die Entwicklung des rheinischen Karnevals seit dem 14./15. Jahrhundert ein. Wann und wie die rheinische Fastnacht entstand, muß sie im Dunkeln lassen. Die Brauchform Karneval änderte mehrfach ihren Sinn, weshalb sie eine detaillierte Kontextanalyse für notwendig hält. In den beiden folgenden Kapiteln analysiert Frohn die Anfänge des organisierten Karnevals in den 1820er Jahren und schildert ausführlich die Entwicklung der Karnevalsvereine, die öffentliche Festgestaltung und den Straßenkarneval im 19. Jahrhundert. In Köln trat seit 1883 der Prinz Karneval zusammen mit der Jungfrau und dem Bauern regelmäßig als Dreigestirn auf. Hanswurst blieb in Köln die beliebte Identifikationsfigur für das Volk auf der Straße. In zwei weiteren Kapiteln geht Frohn auf das Verhältnis von Karneval und Politik und die zeitgenössische Wahrnehmung des Karnevals von außen ein. Leider können hier nur wenige der von Frohn ausführlich behandelten zahlreichen Aspekte des rheinischen Karnevals herausgestellt werden.

Die Erneuerung des rheinischen Karnevals in den 1820er Jahren charakterisiert Frohn als ein bürgerliches Phänomen. Köln übernahm dabei zwar eine Vorreiterrolle, war aber nicht alleiniges Vorbild. Damals bildeten sich die Grundstrukturen des organisierten Karnevals heraus, die ihn bis heute prägen: die Karnevalssitzungen, der Maskenzug am Fastnachtsmontag sowie der große Maskenball im Gürzenich. Aber der Karneval wurde vor allem zum Vereinskarneval. Die Kölner Karnevalsgesellschaft zählte 1824 nur 109 Mitglieder, 1827 schon 302 und 1829 gar über 500. Karnevalsvereine entstanden bald auch in anderen rheinischen Städten. In Anlehung an die neuere historische Vereinsforschung und die moderne Bürgertumsforschung sieht Frohn in den Karnevalsreformen der 1820er Jahre eine bürgerliche Reform. Das Ziel der Reformer sei „ein nach bürgerlichen Wertvorstellungen umgestalteter, d.h. ein geordneter und disziplinierter Karneval“ gewesen (S. 158). Das städtische Bürgertum habe dabei zwei „bürgerliche Idealvorstellungen auf geradezu geniale Weise“ zu verbinden versucht, „das bürgerliche Ideal von Disziplin und Ordnung sowie die bürgerliche Einstellung zur Caritas“ (S. 199). Bereits unter den Zeitgenossen stieß eine solche Ausrichtung nicht nur auf Lob. So kritisierte die „Karnevals-Zeitung von Köln“ Anfang 1827 den Zuschnitt der Festgestaltung auf die gebildete Schicht der Stadt. Seit 1823 inszeniere ein „Verein von Gebildeten“ das Fest, und es handele sich nun nicht mehr um ein Volksfest (S. 88). Schon bald scheint auch eine soziale Differenzierung stattgefunden zu haben. 1829 erwähnte der Kölner Chronist Fuchs, es hätten sich außer der großen Karnevalsgesellschaft „auch noch andere aus der Klasse der Handwerker in Bierhäusern“ gebildet, die an den Karnevalstagen ihre Vorstellungen auf den Straßen gaben. Die Narrenkappe wurde 1827 zum allgemein verbindlichen Kennzeichen der Mitglieder eines Karnevalsvereins.

Bereits in den 1830er Jahren war der rheinische Karneval ein Politikum, insbesondere infolge der französischen Julirevolution von 1830. Die Berichte des Landrat Schnabels stellten sich zwar meist rasch als völlig übertrieben heraus, nichtsdestoweniger ging man in Berlin davon aus, daß die Karnevalsvereine das Ziel hätten, die Volksstimmung gegen die Regierung zu beeinflussen. In den 1840er Jahren verstärkte sich die Politisierung des rheinischen Karnevals. In Köln bildete sich um Franz Raveaux eine Karnevals­opposition, die für einen volkstümlicheren und kritischeren Karneval eintrat. Im Vorstand der neugebildeten Allgemeinen Karnevalsgesellschaft saßen die späteren Gründer der radikalen Vereine der Revolution von 1848.

Der Schwerpunkt der Studie Frohns liegt eindeutig auf der Zeit vor 1860. Dies hängt nicht zuletzt damit zusammen, daß sich für die spätere Zeit „in den Akten der Behörden kaum noch Berichte über den rheinischen Karneval, der zwar vor allem in den 1850er Jahren noch stark kontrolliert und gemaßregelt wurde, aber kein Politikum mehr ... war“, finden (S. 256). Hierbei scheint Frohn zuwenig zu bedenken, daß seit den 1860er Jahren andere Medien, vor allem die Presse, eine enorme Rolle spielten. Um also in ähnlicher Weise wie für die Zeit bis 1860 eine detaillierte Kontextanalyse des rheinischen Karnevals im Kaiserreich unternehmen zu können, wäre eine genaue und sehr zeitaufwendige Presseauswertung notwendig. Diese hätte natürlich den Rahmen der materialreichen Dissertation von Frohn völlig gesprengt. So muß Frohn leider die Frage offen lassen, ob während des Kulturkampfs die Teilnahme am Karneval abgenommen habe. In den 1880er und 1890er Jahren schlugen Diskussionen um die angeblichen Unsittlichkeiten im Karneval hohe Wellen. Wie Frohn zeigen kann, verherrlichten vor allem die Kölner Rosenmontagszüge das Deutsche Kaiserreich. Patriotische Bekenntnisse wurden üblich. Die Maskenzügen hatten nun einen eher affirmativen Charakter. Für die 1890er Jahre seien nur wenige gesellschaftskritische Demonstrationen im Karneval überliefert.

Zum Schluß sei betont, daß beide Studien, Brogs Überblicksdarstellung und Frohns Studie zum 19. Jahrhundert, ein großes und aufmerksames Publikum verdienen.