Dieter Müller: Friedrich Gottfried Leue (1801–1872). Ein liberaler Justizreformer der Paulskirchenzeit. Baden-Baden 2000. (Hannoversches Forum der Rechtswissenschaften, Bd. 15). – 325 S., brosch., 98,– DM. ISBN 3-7890-6505-6.

Durch einen Zensurprozeß und vor allem durch einen anschließenden Hochverratsprozeß, der in Köln stattfand und wochenlang großes Aufsehen erregte, wurde 1846 der aus Salzwedel stammende Jurist Friedrich Gottfried Leue über Nacht in der gesamten damaligen preußischen Rheinprovinz berühmt. In der Folgezeit wurde er zu einem der bekanntesten und geachtesten rechtspolitischen Sprecher des rheinischen Liberalismus. 1848 gehörte er dem Vorparlament und anschließend dem Paulskirchenparlament an. Von 1861 bis 1866 war er Mitglied des preußischen Abgeordnetenhauses und schloß sich der Fortschrittspartei an, für die er das „Kölner Programm“ entwarf. Auf dem 22. Juristentag im Jahre 1892 würdigte der Rechtsgelehrte Rudolf von Gneist Leue ausdrücklich als Verteidiger der Geschworenengerichte.

In der hier anzuzeigenden Arbeit, einer von Jörg-Detlef Kühne betreuten Hannoveraner Dissertation, würdigt Dieter Müller den heute zu Unrecht vergessenen Juristen und Parlamentarier Leue. Die Studie ist in drei Teile untergliedert, die mit „Biographie“, mit „Werk und Wirksamkeit“ sowie schließlich mit „parlamentarische Karriere“ betitelt sind.

Der Verf. gibt im ersten Teil einen Überblick über den Lebensweg Leues, der nach dem Studium in Halle und einer Referendarszeit in Salzwedel und Magdeburg 1828 ins Rheinland gekommen war, zunächst als Landgerichtsassessor in Saarbrücken, dann als Staatsanwalt in Aachen und Koblenz, schließlich von 1846 bis 1869 als Appellationsgerichtsrat in Köln. Im zweiten Teil geht Müller ausführlich auf die einzelnen juristischen Veröffentlichungen Leues ein. Schon früh hatte Leue auch rechtswissenschaftlich zu arbeiten und zu publizieren begonnen. Dabei galt seine ganze Aufmerksamkeit dem ehedem französischen Recht in der Rheinprovinz. Unverblümt trat er für die rheinische Rechtsverfassung ein und kritisierte die Schwächen des preußischen Justizsystems. Seine Schrift über die bedeutendste rheinische Justizinstitution, die Assisen bzw. das Geschworenengericht, wurde 1845 in Aachen beschlagnahmt und, nachdem die Beschlagnahme gerichtlich bestätigt worden war, im Hofe des Aachener Rathauses verbrannt. Nur im Geheimen Staatsarchiv in Berlin soll ein Exemplar überliefert sein. Leues Buch, in dem er für die Sicherung von „Recht und bürgerlicher Freiheit“ eintrat und „die Unvollkommenheit eines verfassungslosen Zustandes recht augenscheinlich“ aufdeckte, hielten die preußischen Behörden für „gemeingefährlich“. In dem deshalb angestrengten Strafprozeß wegen Hochverrat wurde Leue 1846 jedoch in Köln freigesprochen. Zwei Jahre später veröffentlichte Leue die Prozeßunterlagen und die inkriminierte Schrift unter einem anderen Titel in Leipzig. Der Kölner Rechtsanwalt Gerhard Compes zitierte Leue damals in einer seiner Korrespondenzen für die Augsburger „Allgemeinen Zeitung“, eine der verbreitesten deutschen Zeitungen, mit den Worten: „Bedenken Sie, meine Herren, daß ich hier nicht bloß meine Rechte verteidige, sondern mehr noch die der ganzen Provinz. ... Die Gerichte sind immer der letzte Anker der Gerechtigkeit, der letzte Schirm und Schutz für die Rechte und Freiheiten der Bürger, und darum und nur darum umgibt sie der Heiligenschein der Liebe und Verehrung des ganzen Volkes...“

Jürgen Herres, Berlin