Gisela Mettele: Bürgertum in Köln 1775-1870. Gemeinsinn und freie Association. München: R. Oldenbourg Verlag 1998. (Stadt und Bürgertum. Hg. von Lothar Gall. Bd. 10). – 401 S.

Veröffentlicht in: Neue Politische Literatur 46, 2001. S. 298-299.

In Metteles Studie, einer 1994 im Rahmen des von Lothar Gall geleiteten Frankfurter Bürgertumsprojektes entstandenen Dissertation, wird das Schicksal des Kölner Bürgertums von der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts über den Epochenwechsel hinweg weit ins 19. Jahrhundert hinein verfolgt. Dabei wartet die Verf. mit einer eher überraschenden These auf. Der rheinpreußische Liberalismus und seine Trägerschicht, Bismarck sprach 1847 abschätzig von „rheinischer Weinreisenden-Politik“, gilt gemeinhin in der historischen Forschung als Sonderfall. Lothar Gall wählte gar die Bezeichnung „untypisch“. Mettele wendet sich nun dagegen, „das rheinische Bürgertum ... vorrangig ökonomisch und überstädtisch, als regionale ‘Bourgeoisie’“, zu definieren und will zeigen, „daß die Kölner Bürgerwelt in mehr bestand als in dem Streben nach ökonomischer Modernisierung“. Bei der Kölner ‘Bourgeosie’ habe es sich vielmehr um „ein selbstbewußtes Bürgertum mit einer ausgeprägten stadtbürgerlichen Tradition“ gehandelt.

Entsprechend den Vorgaben des Frankfurter Projektes versucht Mettele, das Kölner Bürgertum aus dem Zusammenwirken gesellschaftlicher, politischer, rechtlicher und wirtschaftlicher Konstituierungsfaktoren zu beschreiben, und untersucht deshalb die Mitgliedschaft in Vereinen, die Übernahme von Mandaten im Rahmen der politischen Selbstverwaltung und die wirtschaftlichen Bedingungen, aber auch die fortwirkende Rolle des gerade in der Reichsstadt „so bedeutenden rechtlichen Bürgerverständnisses“. Empirische Grundlage der Studie bilden neben städtischen Akten und Familiennachlässen auch die Auswertung von Adreßbüchern (von 1797, 1828 und 1850) sowie von Notablen- und Kommunalwahllisten. Die Unterlagen der seit 1849 erhobenen städtischen Einkommensteuer wurden nicht herangezogen. Ein zentrales Anliegen der Verf. ist es aber, nicht nur die Männer-, sondern insbesondere auch die Frauenwelten in den Blick zu nehmen. So betont sie die aktive Rolle der Bürgerinnen auch in der städtischen Öffentlichkeit: „Die tatsächlich gelebten Geschlechterverhältnisse wichen von den normativen Wunschbildern der bürgerlich-liberalen Theoretiker ab.“

In vier Kapiteln zeichnete Mettele die Entwicklung von der ständisch gegliederten Bürgerwelt des Ancien Régime und der französischen Zeit „gedrängter Evolution“ hin zur preußischen Oppositionsgesellschaft nach. Der Schwerpunkt der Arbeit liegt auf der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, der französischen Ära und dem Beginn der preußischen. Der Ausblick auf die Zeit von 1848 bis 1870 fällt sehr knapp aus.

Im 18. Jahrhundert war die Reichsstadt Köln einem massiven Dekorporierungsprozeß ausgesetzt und wurde in zeitgenössischen Reisebeschreibungen als zu einem Drittel aus Bettlern bestehend charakterisiert. Gegen die allzu düster malende bisherige Forschung hebt die Verf. hervor, daß Köln bereits damals ein dynamisches Bürgertum hatte, das „mit den reichsstädtisch-ständischen Strukturen“ zu brechen begonnen habe. Katholische Ratselite und wohlhabende Protestanten bildeten am Ende des 18. Jahrhunderts in den neuen bürgerlichen Assoziationsformen Lesegesellschaft, Freimaurerloge und Handelskollegium eine gesellschaftliche Einheit. Während ihrer fast zwanzigjährigen Zugehörigkeit zu Frankreich, von 1794 bis 1814, war Köln den tiefgreifendsten Veränderungsprozessen ausgesetzt. Der rechtliche Bürgerverband wurde aufgelöst, Gewerbefreiheit trat an die Stelle des zünftigen Nahrungsschutzes, die Stadt wurde in einen zentralistischen Staatsverband eingegliedert. Mit dem Zurücktreten des Zunftbürgertums ging die Auflösung des von den Zünften getragenen geselligen Lebens einher. Es entwickelte sich ein neues bürgerliches Kunst- und Geselligkeitsverständnis. „Das städtische Bürgertum definierte sich nun zunehmend als eine durch gemeinsame Kultur, Besitz und Bildung verbundene Leistungselite.“ Nach 1814, Köln war nun preußische Handels- und Festungsstadt, entwickelte sich die Stadtgesellschaft, preußische Integrationsansprüche abwehrend, in einer besonderen Weise oppositionell zum Staat. Die Verf. entwirft ein detailreiches Bild von den kulturellen und politischen Initiativen des Kölner Bürgertums zwischen Karneval und Dombau. Die liberale Utopie der „klassenlosen Bürgergesellschaft“ habe eine reale und praktische Relevanz gehabt. In dem kurzen Schlußkapitel skizziert die Verf., wie die bürgerliche Geschlossenheit nach 1848 mit der wirtschaftlichen Modernisierung und der zunehmenden Politisierung der städtischen Gesellschaft auseinander gebrochen sei.