Akten der Stadtverwaltung Mülheim am Rhein 1815–1914. Bearb. v. Franz-Josef Verscharen nach Vorarbeiten von Clemens von Looz-Corswarem. Teil 1 u. 2. Köln, Weimar, Wien 1998 und 1999. (Mitteilungen aus dem Stadtarchiv von Köln; Heft 79 u. 80). – 864 S.

Mit Aktenverzeichnissen verhält es sich ähnlich wie mit Telefonbüchern, man nutzt sie gerne, aber außer Kabarettisten und möglichen Teilnehmern von Wettsendungen würde kaum jemand auf den Gedanken kommen, sich in ihre Lektüre zu vertiefen. Dem hier anzuzeigenden zweibändigen Verzeichnis der Akten der Stadt Mülheim wird es voraussichtlich ähnlich ergehen, auch wenn dies keineswegs berechtigt ist. Über die schmucklose Aufführung der überlieferten Akten hinaus verzeichnet nämlich der Bearbeiter, Franz-Josef Verscharen nach Vorarbeiten von Clemens von Looz-Corswarem, relativ ausführlich auch den Inhalt der einzelnen Akten. Darüber hinaus führt er die Aktenverzeichnung jeder der einzelnen städtischen Fachverwaltungen mit erläuternden Bemerkungen ein und ergänzt sie mit Personen-, Sach- und Ortsregistern, mit einem Literaturverzeichnis, einer annotierten Liste der Bürgermeister und Oberbürgermeister der Stadt Mülheim sowie deren Beigeordnete.

Das Akteninventar umfaßt den Zeitraum von 1814 bis 1914, vom Beginn der preußischen Herrschaft am Rhein bis zur Eingemeindung Mülheims nach Köln kurz vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Als ein hoher preußischer Beamter 1816 die neuen Westprovinzen am Rhein bereiste, besuchte er auch Mülheim am Rhein. Er fand eine kleine Stadt mit rund 5000 Einwohnern vor, die in rund 400 Häusern wohnten. Mit dem Seiden- und Samtfabrikanten Christoph Andreae, der 250 bis 300 Webstühle in Mülheim und Umgebung beschäftigte, hatte er eine längere Unterredung und mußte sich dessen Klagen über den „wenig soliden Handel“ mit Altpreußen anhören. Wie er nach Berlin meldete, galt Mülheim damals als „Hauptsitz des Schleichhandels nach Frankreich“. Im Laufe des 19. Jahrhunderts nahm Mülheim am allgemeinen Wirtschaftsaufschwung teil, hingewiesen sei hier nur auf den beispielhaften Aufstieg der Firmen Andreae und Felten & Guilleaume, und hatte schließlich bei der Eingemeindung 58 000 Einwohner. Das von Verscharen erarbeitete Inventar ermöglicht nun einen Überblick über die gesamte Hinterlassenschaft der städtischen Leistungsverwaltung. So erfaßt es die Akten der Armenverwaltung, des Stadtbauamtes, der Allgemeinen Verwaltung, des Elektrizitätswerkes, des Gaswerkes, des Invalidenbüros, des Stadtausschusses, des städtischen Krankenhauses, des Militärbüros, der Polizei, der Finanz- und Steuerverwaltung, der Abteilung ‘Wahlen, Justiz, Unterricht und Kultus’, des Schlachthofes und der Werft.

Für die Geschichtsschreibung Mülheims und die historische Forschung stellt dieses Verzeichnis ein äußerst nützliches Hilfsmittel dar, nicht zuletzt aufgrund der sehr aufwendigen Aktenaufbereitung. Hoffentlich nutzen möglichst viele Historiker und historisch Interessierte die beiden Bände dieses Inventars.